Internationales Para-Voltigier Camp 01.-03.11.24 in Tschechien
Die Unterstützung des Pferdesportverbandes Düsseldorf machte es möglich, dass eine kleine Delegation des inklusiven Voltigierteams vom Reit- und Pony-Club Düsseldorf e.V. sich am 1. November in den frühen Morgenstunden auf den Weg nach Prag machte. Bei herrlichem Wetter wurde zuerst Prag besichtigt, für den Nachmittag hatte die Organisatorin des internationalen Camps, Jana Tomiskova, einen Transfer zum 80 km entfernten Reitstall Vasury in Kolesa organisiert.
Nach einem gemeinsamen Abendessen der Delegationen aus Tschechien, Polen, Türkei und Deutschland stellte Jana die Geschichte und das Regelwerk des Para-Voltigierens in Tschechien vor. Seit 30 Jahren wird Para-Voltigieren in Tschechien betrieben, 1998 wurde das erste Para-Voltigierturnier ausgerichtet und seit einigen Jahren werden Para-Prüfungen alljährlich bei den tschechischen Meisterschaften ausgetragen. Beim anschließenden regen Austausch berichteten die Delegationen von der Arbeit in ihren Vereinen und vom Stand des Para-Voltigierens in ihrem Land. Die Delegation aus Düsseldorf stellte außerdem in kurzen Zügen das Regelwerk Voltigieren von Special Olympics Deutschland vor und es wurden Vergleiche zum tschechischen Para-Regelwerk gezogen.
Jana Tomiskova, die mehrere Jahre mit der tschechischen Nationalmannschaft bei internationalen Championaten startete, beendete 2012 ihre aktive Voltigierlaufbahn und widmete sich als Mitglied des Tschechischen Pferdesportverbandes nun in der Rolle der Trainerin und Organisatorin dem Para-Sport. Ihr Ziel ist es, mit Vertretern anderer Nationen gemeinsam ein internationales Regelwerk für Para-Voltigieren zu erarbeiten und in diesem Rahmen Championate auszurichten. Mehrere europäische Länder sind bereits an dem Projekt beteiligt Auf www.paravaulting.eu des European Paravaulting Network wird u.a. das tschechische Regelwerk mit Klassifikationssystem für Paravoltigieren vorgestellt.
Am Samstag stand für die Voltigierer*innen das gemeinsame Training der Delegationen im Vordergrund. Nach dem Aufwärmtraining wurde zuerst mit der Pflicht nach tschechischem Para-Regelwerk begonnen, dann wurden auch Kürelemente geübt. Unsere deutschen Voltigiererinnen bekamen hilfreiche Korrekturen und konnten sich die ein oder andere Kürgestaltung abgucken. Die anwesenden Trainer*innen nutzten die Gelegenheit auch zum gegenseitigen Kennenlernen und zum Austausch. Nach gut 6 Stunden Training waren am Abend alle etwas geschafft. Sonntagmorgen stand wieder ein dreistündiges Training auf dem Programm, das bei -1 Grad begann. Dank der herrlichen Herbstsonne stieg die Temperatur dann glücklicherweise etwas an.
Für den Nachmittag hatte Jana eine Führung durch das nahe gelegene Kladruber Nationalgestüt organisiert. Die 2023-24 frisch renovierte großflächige Anlage mit den historischen Gebäuden und Parkanlagen gehört zum Unesco Weltkulturerbe. Die überwiegend weißen Kladruber sind vor allem als Kutschpferde beliebt und ziehen die Prunkwagen europäischer Königshäuser. Der international erfolgreiche tschechische Meister im Vierspänner zeigte den Besuchern voller Stolz seine besten Hengste, mit denen er auf Championaten unterwegs ist und öffnete gerne deren Boxen, damit sie von den Voltigierer*innen ausgiebig gestreichelt werden konnten.
Der letzte Tag des Para-Camps neigte sich dem Ende zu und es ging ans Verabschieden. Jana und ihr Team haben allen ein unvergessliches Wochenende ermöglicht und mit einer tollen Rundumversorgung keine Wünsche offengelassen. Alle waren sich einig – wir sehen uns wieder!
Die Rückreise nach Düsseldorf wurde zum Erfahrungsaustausch genutzt. Wo sieht sich das inklusive „Unified Team“ des RPC Düsseldorf gut aufgehoben? Welche Bedingungen ermöglichen einen fairen (gemeinsamen) Start für Voltigiere*innen mit und ohne Beeinträchtigungen bei Wettbewerben?
Die aktuell verschärften Zeitbegrenzungen bei der Kür im Regelsport machen es Menschen mit Beeinträchtigungen schwer, teilzunehmen, da sie ausreichend Zeit zum Umsetzen von Übungen benötigen und ein ruhiges, sanftes und damit pferdeschonendes Turnen sehr schwierig wird – vor allem, wenn eine gewisse Anzahl von Kürelementen gezeigt werden sollte. Das Regelwerk von Special Olympics lässt den Voltigierer*innen mehr Zeit. Im tschechischen Regelwerk gibt es kein Zeitlimit, da man die Ansicht vertritt, die Pferde werden mehr geschont, wenn sie ein paar Minuten länger eine ruhig geturnte Kür tragen als bei einer hektisch geturnten kürzeren Kürzeit.
Da (nicht nur) in Tschechien vor allem Kaltblüter beim Para- Voltigieren eingesetzt werden, die auch als Therapiepferde tätig sind und diese meist keinen geeigneten Galopp haben, wird hier in Prüfungen ausschließlich im Schritt geturnt. Bei Special Olympics gibt es Wettbewerbe im Schritt, im Galopp, Galopp-Schritt und mit mindestens 2 Pflichtübungen im Galopp, ohne Zusatzpunkte für Galopp, wie es bei WBO-Turnieren üblich ist.
Unsere Erfahrung als Team mit einem hohen Anteil an Voltigiere*innen mit Beeinträchtigungen hat uns gezeigt, dass Wettbewerbe im Regelsport es inklusiven Teams schwer machen, eine gute Platzierung zu erlangen. Special Olympics bietet Prüfungen für Menschen mit einer geistigen Behinderung an sowie für inklusive Doppel und Teams. Durch eine Klassifizierungsrunde zu Beginn des Wettbewerbs werden leistungshomogene Abteilungen ermittelt, in denen dann der Wettbewerb ausgetragen wird. So haben alle die gleichen Chancen. Das tschechische Para-Regelwerk lässt die Teilnahme von Voltigiere*innen ohne Beeinträchtigung nur sehr begrenzt zu und legt eine Klassifizierung innerhalb der Kategorien körperliche Beeinträchtigung sowie intellektuelle Beeinträchtigung fest.
Bei Nationalen Spielen und Landesspielen von Special Olympics hatte das inklusive Team vom RPC Düsseldorf bisher viele positive Erlebnisse und Erfolge, bei denen die Voltigierer*innen mit und ohne Beeinträchtigung sich als „gemeinsam stark“ und gleichberechtigte Partner*innen erlebt haben und wirklich zusammengewachsen sind. Bei allgemeinen WBO-Turnieren war immer von allen die Bereitschaft da, mit dem Team zu starten, aber die Erfahrung, eher auf den hinteren Plätzen zu landen, hat auch frustriert. Von Para-Wettbewerben nach tschechischem Vorbild würde sich das Unified Team eine Ergänzung zu den SOD-Angeboten erhoffen und internationale Begegnungen begrüßen, auch wenn die Voltis ohne Beeinträchtigung hier etwas zurückstecken müssten. Für das Para-Voltigieren in Deutschland wünschen sich die Voltis aus Düsseldorf, dass eine geeignete Klassifizierungsregel auch Menschen mit schwereren Beeinträchtigungen Erfolge ermöglicht und dass Inklusion im Sinne von wirklich gemischten Teams bessere Voraussetzungen erhält. Inklusion bedeutet für uns die Möglichkeit der Teilhabe auf Augenhöhe / mit den gleichen Chancen und erfordert eine Anpassung der Bedingungen / Regeln an die Bedürfnisse aller. Wenn dies auch in der WBO umgesetzt werden würde, könnten wir tatsächlich von Inklusion sprechen.
Heike Wedler
Inklusionsbeauftragte RPC Düsseldorf e.V.
Trainerin Unified Team RPC3


